Digitale Geschichten

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Willkommen in 2026: Das Alte trägt noch. Aber nicht mehr lange. Eine Einladung zum Ausbruch aus den Käfigen von gestern.

Vielleicht sind es nicht die großen Krisen, an denen unsere Systeme zerbrechen, sondern die ganz normalen Dinge, die plötzlich unverhältnismäßig kompliziert werden. Weil alte Herangehensweisen nicht mehr an heutige Möglichkeiten andocken.

Beispiel aus dem wahren Leben: Meine Mutter ist 95. Einmal in der Woche braucht sie Hilfe beim Zusammenstellen ihres Medikamentenplans. Dafür ist eine ärztliche Verordnung nötig. Nichts Besonderes, eigentlich Routine. Der Weg dorthin ist es nicht. Meine Mutter scheitert schon beim allerersten Schritt: Die Hausarztpraxis ist telefonisch nicht erreichbar, dafür fehlt die Kapazität. Also läuft alles über ein Formular auf der Webseite. Das kann meine Mutter nicht. Hier schneiden digitale Prozesse ab. Keine kleine Randgruppe, sondern einen immer größer werdenden Patientenanteil. Ich übernehme, fülle das Formular aus und schicke es ab. Die Praxis hat eine Rückfrage, doch sie kommt nicht per Mail, sondern per Rückruf an mich. Meist zu Zeiten, in denen ich unterwegs bin, in Terminen stecke, nicht rangehen kann. Asynchrone Kommunikation würde passen. Darf die Praxis nicht. Datenschutz. Wenn endlich alles geklärt ist, muss die Verordnung persönlich in der Praxis abgeholt werden mit der Krankenkassenkarte meiner Mutter, denn das Quartal ist schon wieder rum. Ich bekomme ein Stück Papier, wie vor Jahrzehnten. Digital beantragt, analog bearbeitet, physisch übergeben.

Das Beispiel meiner Mutter steht stellvertretend für unzählige Prozesse im Gesundheitswesen, in Konzernen, in Verwaltungen. Sie wurden für eine Welt gebaut, in der Information untrennbar an Materie gebunden war.

  • Informationen auf Papier, das in Ordnern abgeheftet wird
  • Wissen und Macht in Abteilungen, die in fixen Übergabepunkten denken
  • Identität als Karte oder Ausweis, der persönlich vorgezeigt werden muss
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Das Beispiel zeigt es unter dem Brennglas, warum die Kompliziertheit nicht geringer wird.

Alles passiert in strengen Übergabepunkten. Alles ist auf Verwaltung von Informationen ausgerichtet, nicht auf den Anwender. Menschen müssen zu Übergabepunkten gehen. Zu Fuß. Sie erhalten Freigaben auf Papier, die sie dem nächsten Silo übergeben. Jeder Übergabepunkt ist ein Stoppschild. Er braucht Zeit, Kraft und Anwesenheit.

Im Digitalen ist Information von Materie entkoppelt. Daten werden nicht mehr übergeben, sie werden verknüpft. In schier unendlichen vielen Variationen, je nach Bedarf.

Digital sein bedeutet, in Möglichkeiten zu denken

Genau deshalb hat Jeff Bezos Amazon zu einem der größten Konzerne auf dem Planeten gemacht. Weil er sehr früh dieses Prinzip verstanden hat. Wenn Informationen nicht mehr an Materie gebunden sind, werden sie “flüssig”. Das ermöglicht eine bis dahin nie gekannte Nutzerzentrierung. Stellvertretend hierfür steht der “One-Klick-Kauf”, heute selbstverständlich, vor mehr als 20 Jahren revolutionär. Möglich ist das nur, weil Informationen sofort im passenden Kontext bereitgestellt werden. Beim One-Klick-Kauf:

Ist der Artikel da? –> Lagerbestand, Ist das Geld da? –> Bonitätsprüfung der Bank, Wo muss es hin? –> Adressdaten

Mit allgegenwärtiger KI und Daten im Überfluss lassen sich Ströme von Informationen zu ganz neuen Mehrwerten bündeln.

Die digitale Welt denkt in Bedürfnissen, nicht in Produkten

In der analogen Zeit war Mobilität ein Auto – also ein Klumpen Metall (Materie), die ich kaufen musste, die 95% der Zeit herumstand.

Im Digitalen ist Mobilität ein Bedürfnis, der Wunsch von A nach B zu kommen. Dein Mobilitätsanbieter weiß, wo Du bist. Mit einem Fingertip sagst Du, wo Du hinwillst. Das autonome Fahrzeug, das nicht anderes als ein Datenstrom auf Rädern ist, bringt dich zu deinem Ziel. Es existiert durch den Verbund Millionen von Datenpunkten wie Verkehr, Wetter und der Interaktion mit anderen Fahrzeugen. Es kann selbständig Entscheidungen treffen, weil es trainiert wurde an Milliarden von Kilometern menschlicher Erfahrung.

Wie sähe die digitale Verordnung aus?

Zurück zu meiner 95-jährigen Mutter. Wie sähe es da aus? Im Idealfall muss meine Mutter gar nichts machen, genauso wenig wie eine Minute Arbeitszeit in der Hausarztpraxis verschwendet werden würde.

Das Gesundheitssystem hat eine 360 Grad Sicht auf meine Mutter. Informationen können frei fließen. Wenn das Quartal vorbei ist, muss meine Mutter vielleicht ihre Identität mit ihrem Personalausweis sicher nachweisen. So, dass es auch Senioren können. Der Hausarzt hat schon länger freigegeben, dass meine Mutter aufgrund ihres Alters dauerhaft diese Unterstützung erhält. Die digitale Verordnung landet automatisch bei dem Pflegedienst, den meine Mutter ausgewählt hat.

Der Unterschied: Das Gesundheitswesen wird nicht mehr aus Sicht der Verwaltung gedacht, sondern radikal aus Sicht des Patienten. Gleiches gilt natürlich für alle Verwaltungsaufgaben, für alle Prozesse in Konzernen. Nur so kann mit der Geschwindigkeit der Veränderung mitgehalten werden. Konkret bedeutet das:

Datenschutz wird nicht mehr Institutionsschutz missbraucht

Die Frage für einen sprichwörtlich reibungslosen Ablauf muss lauten:  „Wie schützen wir die Privatsphäre der Mutter, während wir sicherstellen, dass sie selbst so viel wie möglich selbstbestimmt in die Wege leiten kann?“ Heute lautet die Antwort der Bürokratie: „Wir schützen die Daten, indem wir die Kommunikation unterbinden.“ Das ist ein Totalausfall der Empathie. Das widerspricht zutiefst dem “Wozu” des Gesundheitswesens.

Denken in Quartalen ist Denken in der Steinzeit

Das Quartalsdenken ist das Fossil eines analogen Kontrollwahns. Es dient nicht der Heilung, sondern der Abrechnungslogik: Budgets werden in Drei-Monats-Käfige gesperrt und die Wirtschaftlichkeit wird im Rückspiegel geprüft. Dass wir alle alle drei Monate unsere Karte physisch vorzeigen müssen, ist kein medizinischer Akt, sondern ein bürokratisches Misstrauensvotum. In einem System, das in Verbindungen denkt, wäre der Versicherungsstatus ein flüssiger Datenpunkt im Hintergrund.

Ich wiederhole: Radikal am Endanwender ausgerichtete Prozesse mit maximaler Eliminierung von Friktionen, sind die einzige Chance, unser „System“ vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Zum Wohle aller Beteiligten. System ist dabei der Überbegriff für die Organisation von Arbeit. Die Gesundheitsbranche dient hier nur stellvertretend als Beispiel.

Überall, in allen Organisationen, muss von Abteilungsdenken in Verbindungsdenken übergegangen werden. Informationen müssen fließen.

Der rosa Elefant: Macht, Verteidigung von Einfluß

Warum halten wir so beharrlich an diesen (Abteilungs)Käfigen fest? Weil Reibung im alten System Macht bedeutet. Wer die Schnittstelle kontrolliert, wer das Formular freigibt, wer den Stempel setzt, der Einfluss. In einer analogen Welt war das Verwalten, Vergrößern und Abschotten von Silos ein Karrieremodell.

Doch dieser „Institutions-Egoismus“ ist im Jahr 2026 brandgefährlich geworden. Wir steuern auf eine Zeit zu, in der wir nicht mehr genug Menschen haben, um diese künstlichen Hürden zu bewachen. Wenn Führungskräfte heute ihre Silos verteidigen, verwalten sie nichts weiter als den kommenden Kollaps. Uns gehen schlichtweg die Ressourcen aus, nämlich die Menschen in einer alternden Gesellschaft. Die Zahlen sind unerbittlich.

Die wichtigste Führungsaufgabe: Sich überflüssig machen durch Systemumbau

Wir brauchen eine radikale Neudefinition von Führung und Erfolg. In einer Welt der vernetzten Möglichkeiten darf Macht nicht mehr daran gemessen werden, wie viele Menschen man unter sich oder wie viele Daten man „gefangen“ hält.

Wahre Führung heute bedeutet, Reibung zu eliminieren. Incentivierung muss sich umkehren: Belohnt werden dürfen nicht jene, die ihre Institutionen aufblähen, sondern jene, die Verbindungen schaffen. Wir brauchen Führungskräfte, die ihren Erfolg daran messen, wie viele administrative Schritte sie gelöscht haben.

Das Ziel muss die „unsichtbare Verwaltung“ sein. Datenverbindungen kommen nur zustande, wenn Institutionen ihre Mauern einreißen und den Fluss erlauben. Führung bedeutet heute, die eigene Institution so schlank und durchlässig zu machen, dass sie im Alltag des Patienten (und der 95-jährigen Mutter) fast unsichtbar wird.

Die größte Führungsaufgabe: Handlungsfähigkeit vererben

Wir tun das nicht nur für schlankere und beweglichere Systeme. Wir tun es für die nächste Generation. Wenn wir den jungen Fachkräften ein System hinterlassen, das aus verkrusteten Silos und analogen Bremsklötzen besteht, wird es unter deren Händen zerfallen. Sie werden die Last der 7-Millionen-Lücke nicht tragen können, wenn sie gleichzeitig Papierformulare hüten müssen.

Nur wenn wir heute Macht abbauen und Verbindungen aufbauen, erbt die nachfolgende Generation ein System, das überhaupt noch beherrschbar ist. Ein System, das Raum lässt für das, was kein Algorithmus und kein Roboter jemals ersetzen kann: Die echte, menschliche Zuwendung.

Es ist Zeit, die Käfige zu öffnen. Nicht trotz, sondern wegen der schwindenden Ressourcen.

Das Muster zeigt sich überall: Windows95 Betriebssystem der Automobilbranche

Wir sehen dasselbe Muster überall, auch in der deutschen Schlüsselindustrie: Automotive. Lange Zeit dachten wir, ein Auto sei die Summe seiner mechanischen Teile. Wir haben das Auto als isoliertes Produkt optimiert. Dann kam die Digitalisierung, und wir haben versucht, „Software ins Auto zu bringen“. Das Ergebnis? Autos mit komplizierten Menüs, aber ohne echtes Nervensystem.

Vom Produktdenken zum Denken in Fähigkeiten und Möglichkeiten

Was Tesla und XPENG gerade bauen, ist eigentlich gar kein Auto. Sie bauen eine räumliche Intelligenz. Wenn eine KI versteht, wie sie ein zwei Tonnen schweres Objekt unfallfrei durch den Berufsverkehr einer Millionenmetropole steuert, dann hat sie etwas Grundsätzliches gelernt: Sie versteht den dreidimensionalen Raum.

Ob diese Intelligenz dann vier Räder hat (Auto), zwei Beine (humanoider Roboter) oder in einem Greifarm in der Küche meiner Mutter steckt, der ihr die Medikamente reicht, das ist am Ende nur eine Frage der Hardware. Die Fähigkeit ist digital und universell.

Der Kreis schließt sich: Von der Robotik zurück zur Pflege

Ein humanoider Roboter lernt heute nicht mehr durch starre Programmierung einzelner Befehle, sondern durch das Training mit flüssigen Daten. Er „sieht“ die Welt als einen konstanten Strom aus Millionen von Datenpunkten, die er in Echtzeit mit seinem trainierten Wissen über Physik und Bewegung verschmilzt. Erst diese konsequente Nutzung liquider Daten ermöglicht es ihm, sich intuitiv im Raum zu bewegen und Hindernissen auszuweichen. Er ist das Ergebnis einer Welt, in der Information durch Verbindungen neue Möglichkeiten erschließt.

Doch genau hier zeigt sich die absurde Polarität unserer Gegenwart: Technisch wäre dieser Roboter problemlos in der Lage, ein rosa Papierrezept vor seine Sensoren zu halten und einzuscannen. Er könnte mit seiner hochentwickelten KI sogar stundenlang geduldig in einer telefonischen Warteschleife ausharren oder mit einem autonomen Fahrzeug zur Praxis fahren, nur um dort physisch eine Plastikkarte in ein Lesegerät zu schieben. Das wäre eine groteske Kapitulation der Möglichkeiten durch stures Festhalten an alten Systemen. Es ist die maximale Verschwendung von Intelligenz, wenn wir Hochtechnologie dazu verdammen, analoge Barrieren zu überwinden, die wir längst hätten einreißen können. Ein autonomes Fahrzeug, das nur eine Chipkarte chauffiert, ist kein Zeichen von Fortschritt, sondern ein Denkmal unserer Unfähigkeit, Prozesse vom Ziel her zu denken.

Tesla oder XPING entwickeln heute humanoide Roboter, weil sie verstanden haben, dass das Denken in Fähigkeiten statt in Produkten völlig neue Horizonte eröffnet. Es geht nicht mehr um das „Produkt Auto“, sondern um die universelle Fähigkeit der autonomen Navigation und Interaktion. Wer so denkt, baut keine isolierten Maschinen mehr, sondern schafft die technologische Basis für Geschäftsmodelle, die weit über die Werkshalle hinausreichen mit Ausblick auf neue Geschäftsmodelle in Milliardenhöhe.

Das Panorama der Möglichkeiten

Was ich am Gesundheitswesen und der Automobilbranche skizziert habe, zeigt ein universelles Prinzip: Alles hängt mit allem zusammen. Denken in Systemen.

Wir betreten eine Ära, in der wir die Zukunft nicht mehr aus dem Mangel, sondern aus der Fülle betrachten können. Wenn wir die Fesseln des analogen Denkens in Abteilungen und Zuständigkeiten sprengen, wächst der Raum für Lösungen, die aus einem utopischen Science Fiction Roman zu stammen scheinen.

Das gilt für die alternde Gesellschaft ebenso wie für urbane Lebensräume. Wenn Fahrzeuge autonom werden, brauchen wir keine Parkplätze mehr in unseren Innenstädten. Wir gewinnen den Raum zurück, den wir für Jahrzehnte dem Blech geopfert haben. Wir hören auf, in „Verkehrsmitteln“ zu denken, und fangen an, in „Wegen“ zu denken. Jeder Weg besteht aus Verbindungen von Verkehrsmitteln. Wir bauen keine Metropolen für Autos, sondern menschengerechte Lebensräume für Generationen. Flüssige Informationen schaffen unendliche Variationen des Zusammenlebens.

Das alles setzt voraus, dass wir die Architektur unserer Systeme neu bauen, überall. Vom Konzern bis zur Behörde und auf den Baustellen dieses Landes. Überall, wo Papierordner stehen, gibt es Friktion. Die gehört ins Museum. Damit wir alles, was wir tun, vom Nutzer aus betrachten dürfen.

Das ist der eigentliche Stresstest unserer Zeit. Viele Systeme werden zerbrechen, weil die Voraussetzungen, unter denen sie erdacht wurden, der Vergangenheit angehören. Die gute Nachricht: Wir haben wirkungsvolle Instrumente, unsere Zukunft zu gestalten. Lasst es uns tun.

What a time to be alive.