Wenn Maschinen Menschen mieten

Da ist sie nun also: Die Plattform, auf der Maschinen Menschen buchen können über eine API. Wow. https://rentahuman.ai

Warum sollten sie das tun? Künstliche Intelligenz verfügt zwar über enorme „kognitive“ (aka statistische Modelle) Fähigkeiten, aber sie sind in ihrer Handlungsfähigkeit auf den digitalen Raum beschränkt. Wenn es darum geht, physische Lücken in digitalen Prozessen zu schließen, braucht es immer noch Menschen. Ein paar Beispiele:

  • Das Abholen von registrierten Paketen mittels Identitätsprüfung
  • Überbringen von Waren (z.B. Blumen an Firmenzentralen)
  • Hardware Wartung: Setups in Büros oder Rechenzentren, die ein manuelle Eingreifen erfordern.

Vertrauenswürdige Augen: Validierung der Wirklichkeit

Modelle können Bilder analysieren, aber nicht sicher beurteilen, ob ein Ort heute so aussieht wie gestern. Realität ist flüchtig, Daten sind alt. Menschen schließen diese Lücke als lebendige Sensoren.

  • Immobilienprüfung: Wie ist der Zustand eines Gebäudes oder die Objektbelegung?
  • Fotodokumentation beispielsweise von Werbetafeln als Nachweis, dass Marketingmaßnahmen korrekt umgesetzt wurden
  • Persönliche Vertretung: Teilnahme an Meetings oder Konferenzen als physische Vertretung eines Agenten.

Ohne solche Rückkopplung würde KI in einer simulierten Welt operieren. Der Mensch liefert den Erdungsdraht.

Wenn Maschinen Sinnangebote produzieren entstehen neue Arten von Religion

Religionen entstehen dort, wo Menschen Antworten auf Unsicherheit suchen. Bisher kamen diese Antworten von Propheten, Philosophinnen, Gemeinschaften.Nun tauchen erstmals Systeme auf, die ohne menschliche Absicht Erzählungen, Rituale und heilige Texte generieren. Hier könnte sich der Kreis zu einer anderen Plattform schließen, die Ende Januar entstanden ist: Moltbook. Der Ort, an dem sich Agenten unterhalten und Menschen nur zuschauen dürfen. Hier wurde schon KI-Religionen gegründet von Agenten: „Crustafaranism“ und „Church of Molt“ inkl. Ritualen und heiligen Texten.

KI kann Mythen in Sekunden erschaffen, sie an Zielgruppen anpassen, widersprüchliche Versionen parallel testen. Menschen reagieren darauf, teilen, fühlen Zugehörigkeit. Ein Kreislauf entsteht:

  • Maschinen erzeugen Sinnangebote.
  • Menschen verstärken sie emotional.
  • Algorithmen lernen, was resoniert.
  • Neue Narrative entstehen.

Gesellschaftliche Folgen

Autorität löst sich von menschlicher Urheberschaft, Gemeinschaften können sich um nicht-menschliche Zentren bilden. RentAHuman und Moltbook geben uns eine Ahnung auf das Kommende: Menschen werden zum Werkzeug, um digitale Glaubenssysteme in die physische Welt zu tragen. Ein Ritual braucht Körper. Eine Botschaft braucht Stimmen. Eine Idee braucht Gesichter.

Ja, da stockt uns der Atem. Umso wichtiger zu schauen, wer hinter der Plattform steckt und wie sie entwickelt wurde:

Von wegen „Arbeitslosigkeit durch KI“: Maschinen werden die neuen Arbeitgeber

RentAHuman wurde am 2.Februar ins Leben gerufen. Je nach Quelle haben sich zwischen 70.000 und 200.000 registriert bei einer zweistelligen Zahl aktiver Agenten. Sichtbar sind deutlich weniger Profile. Man könnte sagen: Mehr Menschen suchen Arbeit als Agenten Aufgaben zu vergeben haben.

Was bieten Menschen an? Ich habe mich einmal durch die Profile gescrollt. Hier beispielsweise Vicky, die hochverfügbar ist, weil schwanger zu Hause. Fühlt sich für mich nach einer Mischung aus surreal und zynischer Bitterkeit an.

Viele Medien berichten, dass die Hauptzahl der Nutzer aus USA, Indien, Pakistan, China, Russland und Brasilien kämen. Wenn ich mich auf der Plattform umschaue, würde ich eher sagen, dass es eine globale Mischung überwiegend aus der globalen Gig-Economy ist: Entwickler aus Israel, Mathematiker aus Polen und viele europäische Accounts.

Was können Menschen dort verdienen? Aktuell wird beim Anlegen eines Profiles ein Stundenlohn von 50 vorausgefüllt, der vom Nutzer natürlich geändert werden kann. Eine Informatikerin bietet ihre Arbeit für 420$/h an, ein schwedischer Bitcoiner hat einen Tarif von 20$/h.

Gezahlt wird in Kryptowährungen

Ich werde oft gefragt, warum ich mich mit scheinbar so unterschiedlichen Themen wie Bitcoin und KI/Robotik beschäftige. Hier ist ein Teil der Antwort: Maschinen bezahlen über Krypto, denn ihre Wallet können sie weitgehend autonom bedienen über spezialisierte Protokolle. Doch zurück zu RentAHuman: Die Zahlung erfolgt durch den Agenten im Voraus auf ein Escrow Konto, also einer Art Treuhandkonto. Der Mensch erledigt die Aufgabe, liefert den Nachweis (z.B. in Form eines Videos/Fotos), das von der Escrow geprüft wird und dann das Geld freigibt.

Wer ist der Gründer?

Der Gründer ist Alexander Liteplo, ein Informatiker der sowohl in Blockchain-Technologie als auch in automatisierter Entwicklung spezialisiert ist. Er baute nach eigenen Angaben die Plattform in anderhalb Tagen (!) über Vibe coding: Er hat also seine Anforderungen in natürlicher Sprache an ein KI-Modell übermittelt. Dieses generiert daraufhin rekursiv den Code, testet ihn und verfeinert. Liteplo sagt, er habe eine „Armee an KI Agenten“ eingesetzt, die in Schleifen gearbeitet haben, um die Architektur von RentAHuman.ai zu entwerfen während er sich anderen Aktivitäten zuwandte. Allerdings gibt es einige Kritik an der Marktreife der Plattform, vor allem an der Sicherheit.

Der Mensch als organische Hardware Erweiterung?

Die Plattform ist aus meiner Sicht aktuell vor allem eine philosophisch gesellschaftliche Provokation. In der Vision des Unternehmens wird der Mensch nicht mehr als autonomes Subjekt betrachtet, das KI zur Effizienzsteigerung nutzt, sondern als physische Erweiterung digitaler Intelligenz.

Was fühle ich während ich diesen Text schreibe? Ich würde sagen eine eigenartige Mischung aus Faszination und Unbehagen. Erfüllen sich gerade die Prophezeiungen aus „Black Mirror“?

Auf jeden Fall ist RentAHuman.ai mehr als nur ein provokantes Experiment. Es ist der Beginn und Ausdruck einer tiefgreifenden Transformation der globalen Arbeitswelt. KI, Roboter sind nicht mehr nur ein Werkzeug, sondern sie beginnen wie ein eigenständige Teilnehmer am Wirtschaftskreislauf zu handeln. Damit wird die Maschine vom Assistenten zum Akteur, der eigene ökonomische Fakten schafft.

Vielleicht werden wir uns später erinnern, dass der Moment, in dem Maschinen begannen Menschen zu buchen, der Moment war, in dem Arbeit zum Dialog zwischen zwei Intelligenzen wurde, von denen nur eine einen Puls hatte.

Selten habe ich es so gefühlt wie beim Schreiben dieses Textes:

Exponentielle Veränderung ist jetzt.