Montag Morgen, ich habe mehrere Stunden Autofahrt vor mir. Über die Jahre für mich eine der entspanntesten und zugleich intensivsten Zeiten der Arbeitswoche. Kein Kalender, kein Bildschirm, nur die Straße und Gespräche mit inspirierenden Menschen. Diesmal ein Finanzexperte, der mich wegen meines Bitcoin Newsletters auf LinkedIn herausgefordert hatte. Seine persönliche Nachricht an mich: Deine Bitcoin-Perspektive hält einer ernsthaften Prüfung nur in Teilen stand.
Wenn ich jemandem begegne, der sowohl Kompetenz als auch offen für einen echten Austausch ist, dann ist das immer eine riesige Chance. Denn wer wirklich zum Kern einer Frage vordringen will, darf andere Sichtweisen nicht abtun. Wir müssen sie durchdenken, auch wenn es anstrengend ist und wehtut.
Komplexe Zeiten erzwingen den Blick durch fremde Augen.
Also telefonieren wir über zwei Stunden. Zwei Stunden, in denen ich echte neue Sichtweisen kennenlerne. Er kommt aus den Finanzmärkten. Kennt Kapitalflüsse, Zinsdynamiken, Arbitrage-Mechanismen auf eine Art, die mir als jemand mit Tech-Hintergrund in dieser Tiefe schlicht nicht zugänglich waren. Und mir wird wieder einmal bewusst: Egal, für wie groß du deine eigene Expertise in einem Thema hälst: wir alle tragen blinde Flecken. Das gilt für jeden von uns.
Nach dem Gespräch habe ich das Gefühl, mein Gehirn explodiert. Die Argumente waren nicht nur neu, die Zusammenhänge sind enorm komplex. Sie haben Perspektiven aufgemacht. Es ist genau das, was echtes Lernen auslöst. Abends im Hotel, erschöpft und gleichzeitig elektrisch wach, spreche ich die wichtigsten Themen und Erinnerungen in einen Claude Dialog.
Claude Cowork gibt dem Chaos im Kopf Struktur
Was dann passiert, ist für mich der eigentliche Kern dieser Geschichte. Zunächst zum Tool: Ich arbeite seit einiger Zeit mit einem persönlichen digitalen Zwilling in Claude Cowork. So wie ich es seit langem in ChatGPT oder Gemini mache. In Claude Cowork lebt mein Zwilling in Markdown-Dateien. Klartextdateien, die ich jederzeit öffnen, lesen und bearbeiten kann. Ich habe sie Claude selbst schreiben lassen, mit gezielten Prompts und Teilen von meinen Texten oder ChatGPT Outputs. Claude erkennt daraus Muster und speichert sie. Er hat mein Wissen strukturiert, meine Haltung destilliert, meine Sprachmuster erkannt. Ich sehe genau, was drin steht und kann es jederzeit korrigieren, ergänzen, präzisieren. Das ist kein undurchsichtiges System, wie wir es bisher kennen. Volle Transparenz.
Was in diesen Dateien liegt, geht weit über harte Fakten hinaus. Ja, mein Bitcoin-Wissen ist dort strukturiert, meine Texte, meine Argumente, meine Zahlen. Meine Arbeitsweisen mit KI, mein Wissen über KI. Aber genauso liegt dort meine Haltung. Meine Sprachmuster. Meine Sicht auf die Welt. Die Dinge, bei denen ich Ungeduld spüre. Die Fragen, die mich wirklich bewegen. Meine Persönlichkeit. Ich habe mein eigenes Ich als externen Sparringspartner erstellt.
Was folgt, ist eine der faszinierendsten Unterhaltungen, die ich seit langem geführt habe. Mit einer Maschine.
Zunächst einmal bitte ich Claude, den komplexen Wirrwarr in meinem Kopf in thematische Abschnitte herunterzubrechen und mir die Zusammenhänge noch einmal darzulegen. An welchen Stellen ich genau neue Facetten lernen durfte. Zusammenhänge zwischen Zinshöhe, Kapitalflüssen, Arbitrage-Mechanismen, Bitcoin-Wert. Dann soll er mir die Sichtweise meines Gegenübers herleiten. Wie schaut jemand aus der Finanzwelt auf dieses Thema, warum bewerten Menschen mit dieser Expertise Fakten anders als ich. Ich lerne in dieser Nacht enorm viel. Vielleicht das Wichtigste: Durch den Perspektivwechsel erkenne ich meine blinden Flecken. Das ist mir im Gespräch direkt nicht so möglich. Aus verschiedenen Gründen. Mein Gehirn ist damit beschäftigt, meine Position zu „verteidigen“, es muss die Argumentationsketten erst einmal verstehen.
Der Vorteil: Da Claude mein Bitcoin Vorwissen kennt, fängt er nicht bei „Adam und Eva“ an, sondern steigt auf meinem Wissensniveau ein. Sozusagen wie ein alter Bekannter. Das macht es so intensiv und wertvoll.
Bei Claude bin ich ich selbst. Ich kann auch meine Schwächen zugeben
Hier zeigt sich die wahre Stärke, warum KI ein Zugewinn ist. Eine „Entität“, wie wir sie in der Geschichte der Menschheit noch nie hatten: Wir können sozusagen ohne Scham, ohne Angst vor Bewertung mit eine Maschine reden. Der ist völlig egal, wie wir zu Bitcoin stehen. Sie wird emotional nicht aufgeladen, wenn wir anderer Meinung sind, sondern macht neue Räume auf (vorausgesetzt, wir haben sie als kritischen Sparringspartner aufgesetzt).
Wer eine These schärft, denkt.
Was mich aber noch mehr beschäftigt als das Bitcoin-Ergebnis: Ich kann meine eigene Sichtweise von außen betrachten. Das geht nur, wenn du deine Haltung, deine Argumentationsmuster, deine blinden Flecken irgendwo externalisiert hast. Genau das ist mein digitaler Zwilling.
Er tut das, war ein digitaler Zwilling tun soll: Er spiegelt mich mit meiner Logik, meiner Sprache, meinen Überzeugungen. Und genau deswegen kann ich mit ihm an mir arbeiten auf eine Art, die im direkten menschlichen Gespräch schlicht nicht möglich ist. In der Interaktion mit einem Menschen kämpft mein Gehirn. Es verteidigt, sortiert, priorisiert. Der Zwilling kämpft nicht. Er öffnet.
KI als kognitiver Erweiterungsraum. Ein Ort, an dem ich mein eigenes Denken inspizieren, hinterfragen, weiterentwickeln kann. Weit entfernt von schnelleren E-Mails. Die meisten, die heute mit KI arbeiten, bleiben an der Oberfläche. Schnellere E-Mails. Kürzere Recherchen. Das hat seinen Wert. Aber was darunter liegt, bleibt meist unberührt.
Die Möglichkeiten von KI entwickeln sich rasant weiter. Sie zwingt uns, unsere Arbeitsweisen neu zu erfinden. Effizienz alleine kratzt nur an der Oberfläche. Es ist der bequeme weg, der vielen Unternehmen suggeriert „Wir machen schon KI“, wir sind vorne dabei“. Sorry to say: Wer durch KI effizenter geworden ist, hat den Zeh ins Wasser gestreckt. Schwimmen kann er noch lange nicht.
Deshalb noch einmal an alle: Fangt an zu schwimmen. Jetzt.
